Schule für Kranke  > Unterricht

Lehrer

Facetten des Schulalltags

Lehrer berichten – Schüler erzählen

Erinnern Sie sich noch an Sebastian?

Nach ein paar Tagen hat er seine ursprüngliche Meinung gründlich geändert. Jetzt freut er sich schon vor dem Frühstück auf den Unterricht, der gleich danach beginnen wird. Sebastian hat gemerkt: „Das ist nicht nur eine willkommene Abwechslung im Klinikbetrieb, hier lerne ich wirklich etwas! Dieses besondere Grammatikproblem in Englisch, mit dem wir uns zuletzt in der Schule beschäftigt hatten, das habe ich jetzt kapiert…“ Und die Vokabeln sitzen auch – das war bei dem Text, den er gestern mit seiner Lehrerin gelesen hat, ganz deutlich feststellbar.

Eine ähnliche Erfahrung macht Claudia aus der Fachoberschule. Sie hatte schon seit längerer Zeit zunehmend Schwierigkeiten mit dem Unterrichtsstoff, konnte sich nicht mehr konzentrieren, sich nichts mehr merken. Irgendwann war ihr klar, dass ohne ärztliche Hilfe wohl nicht an ein Weiterkommen zu denken wäre. Mit einem akuten psychischen Überlastungssyndrom, hervorgerufen durch die ständige präsente Angst in der Schule zu versagen, wurde sie Patientin in der KPP in Werneck. Nach zwei Wochen ging es ihr besser, sie durfte Unterricht bekommen. Sehr skeptisch, aber mit dem Gefühl, den Stier bei den Hörnern packen zu wollen, sah sie der ersten Unterrichtsstunde entgegen. Der Einstieg über ihr Lieblingsfach Englisch gelang reibungslos, irgendwann kam aber doch ihr „Spezialfach“ Mathematik dran. Der alte Mechanismus: Mathe = enger Hals = feuchte Hände = raue Stimme wollte sich schon wieder in Gang setzen, da merkte Claudia, dass hier etwas ganz anders lief als sonst. Diese erst vor kurzem völlig undurchsichtige Kurvendiskussion erwies sich plötzlich als glasklar und in jedem Punkt nachvollziehbar. Jeden Tag kam ein neues Erfolgserlebnis hinzu, undurchsichtige Schleier wurden gelüftet, fundamentale Erkenntnisse verschafften zunehmend ein Gefühl der Sicherheit. Der zuständige Arzt meinte nach ein paar Wochen: Claudia ist wie ausgewechselt, der Unterricht macht ihr Spaß, es geht ihr bestens! Und Claudia selbst? Selbstbewusst und gestärkt in dem Wissen, sehr wohl etwas zu können, konnte sie in ihre Klasse zurückkehren.

Dominik, ebenfalls Patient der KPP Werneck, weigerte sich tagelang, am Unterricht teilzunehmen. Irgendwann war es dann doch so weit, dass er dabei war – zwar unter lautstarkem Protest, aber er war anwesend. Er betrachtete die Vorgänge zunächst aus der sicheren Warte der Teilnahmslosigkeit heraus, um sich nach geraumer Zeit verwundert die Augen zu reiben: Das sollte Schule sein? Den anderen waren die Zufriedenheit mit den Vorgängen sowie ihre gute Laune darüber deutlich anzumerken. Sollte er es vielleicht auch einmal versuchen? Gedacht, getan! Und nach ein paar Tagen das Geständnis: „Wenn ich das gewusst hätte, ich wäre von Anfang an dabei gewesen!“

Drei Beispiele von vielen aus der täglichen Arbeit der Schule für Kranke, die nicht nur den Stellenwert der Arbeit mit dem kranken Kind und Jugendlichen unterstreichen, sondern darüber hinaus deutlich machen sollen, dass auch Ausnahmesituationen des Lebens mitunter als Nebeneffekt durchaus positive Aspekte haben können.